Willkommen in der Welt der Atemübungen

Der Atem ist das zentrale Merkmal für Leben. Ohne Nahrung kann der Körper im Notfall die ein oder andere Woche auskommen, das Fehlen von Wasser wird schon nach ein paar Tagen zum lebensbedrohlichen Problem. Aber ohne Sauerstoff? Ohne zu atmen tritt der Tod unmittelbar nach ein paar Minuten ein. Daher ist es nur logisch, dass der Atem seit Jahrtausenden in allen Kulturen eine wichtige Rolle spielt. Er ist Kulminationspunkt und Spiegel zur Seele, dient als Meditationsobjekt und ist physiologisch betrachtet mit allen Systemen des Körpers verbunden. Grund genug, die Welt des Atems und Atemübungen etwas näher zu betrachten.

Erster Überblick: Der Atem in der Menschheitsgeschichte

Mit einer Handvoll ausgewählten Beispielen möchte ich Dir zu allererst ein Gefühl für die Bedeutung des Atems in der Menschheitsgeschichte geben. Wir starten unsere kleine Reise im Osten mit dem indischen Yogasutra. Das Yogasutra ist ca. 2.000 Jahre alt, Standardwerk und Leitfaden des Yoga. Der Autor Patanjali gilt als der „Vater“ des Yoga und hat über vier Kapitel in kurzen und prägnanten Versen alles Wichtige für den Übenden und seinen Weg des Yoga beschrieben. Der Atem und das Praktizieren von Atemübungen (Pranayama) ist im Yoga zentraler Bestandteil. Im Verse II.50 heißt es zum Beispiel: „Pranayama beinhaltet die Regulierung der Ausatmung, der Einatmung und der Atemverhaltung.“ Yogis nutzen also seit Jahrtausenden Atemtechniken, um vor allem die Lebensenergie (Prana) zu erhöhen und um den Geist zu beruhigen, damit sie besser meditieren zu können.

Im alten China nannte man diese Lebensenergie Chi. Übungswege wie Tai Chi und Qigong nutzen diese über den Atemprozess aufgenommene Lebenskraft und lenken sie durch den Körper. Atemübungen oder auch Atem-Qigong Sets sind fester Bestandteil dieser inneren Energiearbeit. 

Der Buddhismus nutzt den Atem als Meditationsobjekt. Vipassana und Anapanasati sind Begriffe, die Du in diesem Zusammenhang vielleicht schon einmal gehört hast. Beides sind häufig praktizierte Meditationstechniken, bei der die Ein- und Ausatmung beobachtet wird bzw. die Konzentration auf den Atem gerichtet wird. Es geht um Vergegenwärtigung und Achtsamkeit. Schon Gautama Buddha sagte: „So Du zerstreut bist, lerne auf den Atem zu achten.“

Weiter geht es mit unserer Reise Richtung Westen. Im Westen verbanden die Indianer Nordamerikas den Atem mit Spiritualität. Ihr Gott hieß Wakhan Tanka – Wakan ist der Begriff für den jedem Lebewesen innenwohnenden Atem. 

Im alten Griechenland sind die beiden Wörter „psyche“ und „psychein“ eng verwandt. Übersetzt bedeutet „psyche“ Seele und „psychein“ steht für atmen. Seele und Atem sind so auch über die Sprache miteinander verknüpft. 

Wir machen einen zeitlichen Sprung in die 1950er-Jahre: Ein gewisser Dr. Konstantin Pavlovich Buteyko suchte nach einer Möglichkeit seinen malignen Bluthochdruck zu heilen. Die Ärzte gaben ihm nicht mehr viel Zeit zu leben. In Selbstversuchen erkannte er, dass sein Atemverhalten die Wurzel des Problems war. Er übte sich darin, seine überhöhte und starke Atmung sanfter werden zu lassen. Ihm gelang dadurch tatsächlich eine vollständige Heilung und er bekam in den 50er Jahren die Möglichkeit seine Erkenntnisse wissenschaftlich zu erforschen und weiterzuentwickeln. Daraus entstanden Atemübungen, die darauf abzielen, Überatmung oder chronische Hyperventilation zu reduzieren. Mithilfe der Atmung wird so das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid dauerhaft auf ein natürliches Niveau im Körper gebracht. 

Der nächste Meilenstein führt uns in die frühen 2000er-Jahre, zu einem hochinteressanten Mensch namens Wim Hof. Der Schwede wurde in den Medien als „Iceman“ weltberühmt. Er hält zwanzig Weltrekorde im Ertragen extremer Kälte. Ein Beispiel: 2007 bestieg er den Mount Everest bis auf eine Höhe von 7.200 Meter – bekleidet nur mit Shorts und Schuhen. Mithilfe von Atemübungen beeinflusst er sein autonomes Nervensystem und ist, einfach ausgedrückt, so in der Lage seine Schmerzrezeptoren im Körper „auszuschalten“. Seine Methode wurde 2011 vom Radbound University Medical Center in Nijmegen wissenschaftlich erforscht und bestätigt.

Welche Unterschiede und Verbindungen gibt es zwischen Ost und West?

Wie wir sehen, hat der Atem in vielen Kulturen eine wichtige Bedeutung und wird auf verschiedenste Arten genutzt. Beim Versuch, die Methoden von Ost und West gegenüberzustellen , kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht. Es sind zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen: Atemweisheit und Atemwissenschaft. Im Osten steht eindeutig die Selbsterfahrung und der spirituelle Weg eines Menschen im Mittelpunkt. Der Atem wird als Brücke zu höherem Bewusstsein gesehen und genutzt. Die alten Yogis waren Meister darin, über die Praxis der Beobachtung Erfahrungen aufzubauen und so Wissen zu erschaffen. Im Westen geht nichts ohne konkrete Beweise durch wissenschaftliche Versuche. Alle „Phänomene“ unterliegen einer materialistischen Betrachtungsweise und werden analysiert. Es stehen die physischen Auswirkungen im Vordergrund und wie man den Menschen aus gesundheitlicher und leitungsorientierter Sicht „optimieren kann“. Dem Westen fehlt die Vorstellungskraft wie der physische Körper mit dem Geist in Verbindung steht und welche entscheidende Bedeutung dabei der Atem hat. 

In der folgenden Tabelle habe ich Atemübungen von Ost und West in einem direkten Vergleich dargestellt. Dieser Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, er ist meine persönliche Interpretation und soll als grobe Orientierung dienen:

Ost

„Atemweisheit“

Beispiel: Yoga, Tai Chi, Qigong

Ziel: Atemkontrolle, Energielenkung

Methoden: Verlangsamung der Atmung, Atempause

„komplexe Praxis“

Alter: ca. 2.000 Jahre

Fokus: Energielenkung, spirituelle Entwicklung

West

„Atemwissenschaft“

Beispiel: Buteyko, Wim Hof

Ziel: Atemtherapie, Selbstoptimierung

Methoden: Reduktion des Atemvolumens, Atempause, Hyperventilation

„einfache Praxis“

Alter: ca. 1950er Jahre

Fokus: Gesundheit, Leistungsfähigkeit

Wie man sieht, liegt der größte Unterschied eindeutig beim Alter der Atemlehre. Daher ist im Osten der Atem auch viel tiefer und mit einem ganz anderen Selbstverständnis in der Kultur verankert. Eventuell lernt der zahlenorientierte Westen an diesem Punkt noch dazu: Muss immer alles messbar und erklärbar sein? Warum vertrauen wir nicht auf unsere eigenen Erfahrungen? In den Worten von William Shakespeare: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt.“ 

Die drei Kulminationspunkte

Weg von Vergleichen und Abwägungen, viel wichtiger, wo sind die Verbindung beider Herangehensweisen? Ich sehe drei Kulminationspunkte:

  1. Atemmechanik

Eine gesunde und natürliche Atmung beginnt mit einer guten Atemmechanik. Die Nase und das Zwerchfell spielen hier die wichtigste Rolle. In der Praxis bedeutet das, den Mund nur noch zum Essen zu nutzen und eine konsequente Nasenatmung zu etablieren. Weiter das Zwerchfell, Deinen Hauptatemmuskel, als effektives Werkzeug zu sehen und eine bewusste Zwerchfellatmung (Bauchatmung) in 99% der Lebenszeit zu nutzen. Der Atemmechanik wird in in allen Lehren und Methoden eine große Wichtigkeit zugesprochen und endsprechend kommuniziert.

  1. Biochemie

Die Biochemie bezieht sich beim Atmen vor allem auf das ideale Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid. Durch Stress und unnatürlichem Lebenswandel wird zu schnell und damit mehr Luft als nötig geatmet und dadurch das Verhältnis gestört. Mit Atemübungen lassen sich Atemvolumen auf ein natürliches Maß reduzieren. Mit Atempausen die Toleranz von Kohlendioxid steigern und so das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid optimieren. Beides, vor allem die Atempause, ist ein Merkmal vieler Lehren und Methoden. 

  1. Rhythmik

Mit der Rhythmik beziehe ich mich hiermit auf Respirationsrate und Ratio. Die Respirationsrate bezeichnet die Atemzüge pro Minute, Ratio meint das zeitliche Verhältnis von Einatmung, Ausatmung und Atempause. Mit diesen beiden Werten lässt sich der Atem aktiv formen und über diese bewusste Kontrolle entsprechende Wirkungen erzielen. Ein rhythmisches Atemmuster steht für Atemgesundheit und Rhythmik ist ein Wert der in allen Lehren und Methoden zum Einsatz kommt.

Fazit

Was können wir lernen und was macht jetzt eine gute Atmung aus? Die Erkenntnisse der traditionsreichen östlichen Atemtechniken und der modernen Forschungen scheinen auf den ersten Blick weit auseinander zu sein. Schaut man genauer hin, sind beide Ansätze sehr eng miteinander verbunden. Allgemein betrachtet, kann der Atem in Form von Atemübungen, einen großen Einfluss auf unser Leben haben. Wenn man die vielen verschiedenen Parameter und Wirkweisen aus der Sicht der Gesundheit betrachtet, was letztendlich das höchste Gut des Menschen ist, kann man deuten das alles auf eine natürliches und gesundes Atemmuster abzielt. Und diese Atmung hat drei wichtige Merkmale: leise, langsam und rhythmisch.

Quellen

Trökes, Anna. Die kleine Yoga-Philosophie: Grundlagen und Übungspraxis verstehen. O.W. Barth eBook. Kindle-Version.

Skuban Ralph. Pranayama. Aquamarin Verlag. Kindle-Version.

Skuban, Ralph. Die Buteyko-Methode: Wie wir unsere Atmung verbessern für mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Alltag, Beruf, Yoga und Sport. Crotona Verlag. Kindle-Version.

Hof, Wim; de Jong, Koen. Nie wieder krank. Riva. Kindle-Version.

Swami Rama. Science of Breath: A Practical Guide . Himalayan Institute Press. Kindle-Version.

Saraswati, Swami Niranjanananda. Prana and Pranayama. Yoga Publications Trust. Kindle-Version.

http://www.tai-chi.de/meditation/atemuebungen.html

http://www.spiritwiki.de/w/Atemmeditation

https://mein.yoga-vidya.de/profiles/blogs/der-atem-gesammelte-weisheiten-aus-aller-welt

https://www.atmung.org/buteyko/

https://en.wikipedia.org/wiki/Wim_Hof